NEUARTIGE TARIFSYSTEME (NATS) FÜR NEUARTIGE SANITÄRSYSTEME (NASS)

NEW ALTERNATIVE TARIFF SYSTEMS (NATS) FOR NEW ALTERNATIVE SANITATION SYSTEMS (NASS)

URN urn:nbn:de:gbv:1373-opus-3762
URL
Dokumentart: Dissertation
Institut: Stadtplanung
Hauptberichter: Peters, Irene (Prof.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 04.07.2017
Erstellungsjahr: 2017
Publikationsdatum:
SWD-Schlagwörter: Tarif , Abwasser , Wasser , Siedlungswasserwirtschaft , Gebühr
Freie Schlagwörter (Englisch): Tariff , Sanitation Systems , Wastewater
DDC-Sachgruppe: Naturwissenschaften

Kurzfassung auf Deutsch:

Die deutsche Siedlungswasserwirtschaft ist im Wandel begriffen. Das vorherrschende System der Schwemmkanalisation mit zentraler Abwasserreinigung, das bei seiner Einführung eine revolutionäre Neuerung darstellte, wird seinen Aufgaben zunehmend weniger gerecht. Der demographische und der Klimawandel haben deutlich gemacht, dass die langlebige, großskalige Netzstruktur des konventionellen Systems zu inflexibel ist. Zudem scheint es angesichts zur Neigung gehender Phosphorreserven und Erkenntnissen über die Umweltwirkungen anthropogener Spurenstoffe keine gute Lösung mehr, den Toiletteninhalt zum Zweck seines Transports mit Wasser zu verdünnen. Deshalb gewinnen Neuartige Sanitärsysteme (NASS) zunehmend an Bedeutung. Es gibt viele Spielarten von NASS. Allen gemein ist die getrennte Sammlung und Behandlung von Teilströmen (Toiletteninhalt und Grauwasser) und der Verzicht auf (große Mengen) Wasser als Transportmittel. NASS erleichtern die Rückgewinnung und Rückführung menschlicher Exkremente in die Landwirtschaft und die Elimination von Schadstoffen. Mittel- bis langfristig werden NASS das zentrale System vielleicht ablösen; sehr wahrscheinlich erscheint zumindest eine Koexistenz der Systeme. Damit NASS in der Praxis etabliert werden können, muss klar sein, wie sie abgerechnet werden. Weil die Abwasserreinigung in Deutschland eine hoheitliche kommunale Aufgabe darstellt, wird sie mit Gebühren entgolten. Unternehmen des Abwassermanagements sind öffentliche Unternehmen, und Dienstleistungen öffentlicher Unternehmen werden in Form von Gebühren bezahlt. Die Gestaltung von Gebühren ist streng geregelt. So dürfen sie z.B. nur in solcher Höhe erhoben werden, dass mit ihnen keine Gewinne erzielt werden. Ebenso müssen sie dem Grundsatz der Gleichbehandlung genügen. – Gleichzeitig verpflichtet die EG-Wasserrahmenrichtlinie die Mitgliedstaaten, Anreize für angemessenes Verhalten im Umgang mit Wasserressourcen in ihre Bepreisung einzubauen. In Deutschland ist diese Vorgabe bis heute kaum umgesetzt. Dies bildet die Aufgabenstellung für die vorliegende Arbeit: Vorschläge für Tarife zu entwickeln, die NASS angemessen sind, vor allem in Hinblick auf die Setzung von Anreizen – Neuartige Tarifsysteme (NATS) für Neuartige Sanitärsysteme (NASS) – und gleichzeitig zu prüfen, inwieweit solche Tarife in das bestehende deutsche Gebührenrecht passen. Damit diese Tarife zumindest plausibel sind, muss ein Kostenrahmen für NASS aufgespannt werden, innerhalb dessen sich die Gebühren – die ja keine Gewinne verursachen dürfen – bewegen. Dafür hat der Autor Fallbeispiele deutscher NASS eruiert und fünf ausgewählt, die unterschiedliche Verfahren beinhalten und deren Kosten und Betriebsparameter eine gewisse Bandbreite aufweisen. Aufbauend auf dem so geschätzten Kostenrahmen entwickelt der Autor mehrere Tarife für ein hypothetisches NASS: drei Tarife, die auf Ressourcen abzielen und potenziell Anreize zum ressourceneffizienten Verhalten geben könnten – auf Energie, Nährstoffe, und Grauwasser – sowie einen Flatrate- und einen konventionellen Tarif, der sich in seiner Struktur an die in Deutschland üblichen anlehnt. NASS weisen unter konservativen Annahmen keine Kostenvorteile gegenüber dem zentralen System auf. Mit begründeten Annahmen wie dem Eintreten von Lerneffekten sowie einer Verteuerung konventioneller Abwasserreinigung (da der Mikroverunreinigungsproblematik zunehmend mit besonderen Reinigungsverfahren begegnet werden muss), schwindet jedoch der Kostenvorteil des zentralen Systems und die NASS erreichen die „Kanalparität“ (ein Begriff, den der Autor in Anlehnung an „Netzparität“ für die Gestehungskosten von Strom aus erneuerbaren Energien geprägt hat). Die Arbeit zeigt, dass NATS im obigen Sinne innerhalb des geltenden Gebührenrechts schwer umzusetzen sein dürften. Zwar sind Tarifvarianten denkbar, die dem Gesetz genügen, aber eine starke Anreizwirkung dürften sie kaum entfalten. Grenzen dafür setzen u. a. das Verbot der Kostenüberschreitung, der Gleichheitsgrundsatz und niedrige Marktpreise für Nährstoffe. Die Arbeit diskutiert, wie diese Grenzen überwunden werden könnten, z. B.f durch fiktive Kostenaufteilungen (analog der Festsetzung gesplitteter Gebühren für die Inanspruchnahme von Mischkanalisation), um eine teilstromscharfe Kostenzuordnung zu erreichen. Auch denkbar ist die Einführung verschiedener selbständiger öffentlicher Einrichtungen, d.h. die Schaffung unterschiedlicher Satzungsgebiete, um die Gleichbehandlung verschiedener Systemnutzer zu gewährleisten.

Kurzfassung auf Englisch:

Germany’s wastewater management sector is undergoing change. The predominant system of today, which consists of an extended sewer grid with a central treatment plant, was a radical innovation at the time of its inception but now seems increasingly unable to perform its task. The large-scale, longliving grid shows too little flexibility in the face of demographic and climate change. Moreover, as phosphorus reserves are declining and more and more is known about the adverse effects of anthropogenic micro-substances, it seems not a good solution to dilute toilet content with water for the purpose of transport. That is why Novel Sanitation Systems („NASS“ in German) increasingly gain attention. There are many technical variants of NASS. Common to all is the separate collection and treatment of waste stream components (toilet content and grey water) and the non-reliance on water as means of transport. This facilitates the reclamation and recycling of nutrients contained in human excrements into agriculture, as well as the elimination of pollutants. In the medium to long term, NASS might take over entirely; it is likely that there will be at least a co-existence of the two types of systems. In order for NASS to be implemented in practice, there needs to be a method of billing for their services. In Germany, wastewater management is under the authority of municipalities, which have a strong standing in the German constitution. Municipal enterprises delivering urban services to their citizens have to bill their services via fees („Gebühren“ in German), a special type of charge that is regulated by the law. E.g., fees must not be levied in amounts that surpass the overall cost of the service. They have to treat users equitably, and so on. – At the same time, the European Water Framework Directive of the year 2000 requires member states to price their water resources in a way that prices contain incentives for users to use the resources wisely. This prescription has barely been implemented in Germany. Thus, the task of this dissertation is as follows: Develop proposals for fee systems (Novel Tariff Systems, „NATS“ in German, in analogy to „NASS“) which are adequate for NASS, especially regarding the incentives for resource-efficient customer behaviour – and, at the same time, explore how such tariffs fit into the German body of law dealing with fees („Gebührenrecht“). In order for these tariffs to be at least plausible, a bandwidth of costs for NASS has to be set, within which the fees can be placed. In order to identify such costs, the author has surveyed German NASS projects and selected five projects which represent different technical variants, and which cover a spectrum of costs and operating parameters. Based on this estimated bandwidth of costs, the author develops three tariff systems for NASS, aimed at three different resource types: Energy, Nutrients, and Greywater, as well as a flat-rate tariff and a tariff which leans on those that are common in Germany today. Under conservative assumptions, NASS do not have a cost advantage vis-à-vis the conventional system. Yet it is plausible to assume that NASS will become cheaper, due to technological learning. At the same time, the conventional system is likely to face cost increases due to the micropollution problematic that requires additional treatment steps. With such assumptions, the cost advantage of the conventional system is dwindling, and NASS can reach „sewer parity“ (a term created by the author analogous to „grid parity“ for the production cost of electric power from renewable sources). The dissertation illustrates that NATS in the above sense are not easily implemented within the framework of existing law governing public fees. While there may be tariff system variants for NASS that obey the existing law, they will hardly have a strong incentive effect for customers. The reasons are, among others, the disallowance to let fees surpass cost, the equity principle, and low prices for nutrient resources to be fetched on the market. The dissertation discusses how these rules can be transcended, f.ex. via the introduction of hypothetical costs (corresponding to a hypothetical technical reference system), as is already practiced for the levying of split fees in rainwater management when customers are connected to a mixed sewer system. Another possibility is the creation of new ordinance areas in which fees are applicable to ensure the equitable treatment of system users subject to the fee.

Hinweis zum Urheberrecht

Für Dokumente, die in elektronischer Form über Datenenetze angeboten werden, gilt uneingeschränkt das Urheberrechtsgesetz (UrhG). Insbesondere gilt:

Einzelne Vervielfältigungen, z.B. Kopien und Ausdrucke, dürfen nur zum privaten und sonstigen eigenen Gebrauch angefertigt werden (Paragraph 53 Urheberrecht). Die Herstellung und Verbreitung von weiteren Reproduktionen ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Urhebers gestattet.

Der Benutzer ist für die Einhaltung der Rechtsvorschriften selbst verantwortlich und kann bei Mißbrauch haftbar gemacht werden.