Die andere Moderne- Informelle Veränderungsprozesse in staatlich geplanten Siedlungen in Lima, 1938-1971

The other Modernity – Processes of informal change in state housing developments in Lima, 1938-1971

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URN urn:nbn:de:gbv:1373-opus-1996
URL
Dokumentart: Dissertation
Institut: Stadtplanung
Hauptberichter: Harm, Hans (Prof. Dipl.-Ing.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 09.01.2014
Erstellungsjahr: 2015
Publikationsdatum:
Freie Schlagwörter (Englisch): "other modernity"- informal appropiation- state housing developments in Lima
DDC-Sachgruppe: Architektur

Kurzfassung auf Deutsch:

Die staatlich geplanten Siedlungen, die zwischen 1938 und 1971 in Lima-Peru gebaut wurden, materialisieren die Übertragung eines europäischen Vorbilds: die Gartenstadt. Die Theorie der Unidades Vecinales (Nachbarschaftseinheiten) - und damit eine neue Struktur in der Stadt, die Zeilenbausiedlung - hat eine Phase der Geschichte des Massenwohnungsbaus in Peru geprägt. Es war die Zeit des explosiven Bevölkerungswachstums der Städte in Lateinamerika. Die vorliegende Forschung betrachtet die gebauten Leitbilder zugleich als ein Experimentierfeld für die lokale Aneignung bei Erweiterungs-und Umnutzungsprozessen. Das zeigen die vielfältigen Überformungen der Wohnblocktypen durch informelles Bauen in diesen Wohnquartieren. Das fremde Stadtmodells hat die Identität der Bewohner auf verschiedene Arten und Weisen herausgefordert und beeinflusst. Die Arbeit verfolgt drei Ziele: I. Die Transferierung der Idee der Gartenvorstadt nach Lateinamerika, insbesondere Peru, ihre stadtplanerische Wirkung und Gültigkeit kritisch zu untersuchen. Die Hintergründe der herangezogenen Leitbilder werden in der europäischen Moderne gesucht. Um die physische Adaptation des Modells im Stadtgefüge überprüfen zu können, wurde die Auswahl auf tatsächlich 22 gebaute Wohnquartiere eingegrenzt. II. Analyse der Veränderung gebauter Leitbilder. Drei Fallstudien wurden ausgewählt (die UV3, die UVMatute und der CHPalomino), um die Transformations- und Aneignungsprozesse über die Jahre 1938-2010 und ihre Wirkungskräfte auf der Ebene der Wohnblöcken, des Außenraums und der Gemeinschaftseinrichtungen) zu untersuchen. Die Hintergründe der informellen Veränderungen und die typologische Evolution der Wohnblocktypen werden analysiert sowie die Organisation der Bewohner und Dynamik der Akteure der informellen Veränderungen. III. Einen Beitrag zur Diskussion über die Bedeutung solcher informellen Prozesse für das berufliche Verständnis der Architekten und Stadtplaner zu leisten im Zusammenhang mit der Identität der Bewohner. Die Ergebnisse zeigen: Dass die Weiterentwicklung der geplanten Wohngebäude Lebensprozesse einer Gruppe von Bewohnern widerspiegeln, bedeutet für die Architekten eine neue Attitüde: Sie würde auf dem Verständnis beruhen, dass die Bewohner nicht passive Konsumenten sind, sondern Koproduzenten bei der Aneignung des Raums in der eigenen Wohnung. Die „andere Moderne“ bietet damit der Option der langfristigen Veränderbarkeit der Wohnfläche. Die vielschichtigen untersuchten Veränderungstypen in einer Vielzahl gebauter Leitbilder zeigen die starke Wirkungskräfte der Aneignung: Durch kleinteilige Bebauungen sind aus dem alltäglichen Gebrauch der Siedlungsstruktur der parallelen Zeilen (UV3) Gänge und Plätzen entstanden und durch An-und Ausbauten und Dachaufbauten ebenfalls individuelle Höfe und Dachterrassen. Auf der Rückseite der „geschwungenen Zeilen“ (CHPalomino) wurden die ausgebildeten Zwischenräume als individuelle Höfe, neue kleine Plätze oder Gänge wahrgenommen. Durch Ausbauten wurden viele Wohnwege zwischen zwei raumbildenden Zeilen (UVMatute) zu Gassen. Vor allem in der UV3 und im CHPalomino wurde aus dem ursprünglich fremden Raum eine örtliche Gebundenheit. Die „andere Moderne“ beinhaltet ein innovatives Potential für die Schaffung neuer Möglichkeiten der baulichen Anpassungen und Strategien für das Antizipieren von zukunftsoffenen Entwicklungen in konkreten Situationen. Dass die modernen Beispiele des Massenwohnungsbaus in Lima im Laufe der Zeit Strukturen mit Veränderungsfähigkeit für die Zukunft geworden sind, und dies Aktionen und soziale Handlungen seitens der Bewohner motiviert hat, führt zur folgenden Reflexion: Wenn Architekten, Stadtplaner und die facettenreichen Akteure der potenziellen Veränderungen sich dessen bewusst sind, dass ein Wohnblocktyp in Phasen wachsen kann, könnten informelle Prozesse besser interpretiert und orientiert werden. In dieser Hinsicht soll die vorliegende Studie einen Beitrag zu drei Debatten darstellen: 1. Zum stadtplanerischen Verständnis eines importierten Vorbilds. Die Entwicklung der Stadt Lima konnte keinem einheitlichen Modell folgen. Bei der Aneignung entsteht eine Stadt, die als eine Assoziation vom dynamischen Muster der „wachsenden Familie“ und geplanter statischer Modelle gesehen werden kann. 2. Zum beruflichen Verständnis der starken Wirkungskräfte der Aneignung in gebauten Leitbildern. Die Übertragung des Vorbilds der Gartenvorstadt kann in Peru nur im Zusammenhang mit den Bewohnern verstanden werden. Das Muster der „wachsenden Familie“- im Unterschied zu dem konservativen und statischen Konzept der Wohnung für Standardfamilien (Eltern und Kinder)- öffnet neue Perspektive im Bereich des Wohnungsbauentwerfens. Die Aneignungsprozesse zeigen, dass die Moderne die Identität der Bewohner nicht berücksichtigt hat. Die „andere Moderne“ passt besser zu einer Gruppe von Bewohnern der unteren Mittelschicht und integriert den Bewohnern in die geplante Architektur. 3. Zum beruflichen Bewusstsein der Architekten für das kreative Potential erweiterbarer Siedlungsstrukturen für „wachsende Familien“. Die vorliegende Studie über die vielfältigen Erfahrungen der typologischen Weiterentwicklungen in staatlichen Siedlungen bietet ein komplexes Spektrum von Forschungsperspektiven und Untersuchungsansätzen in Peru im Bereich des Massenwohnungsbaus, etwa im Hinblick auf die Ausbaufähigkeit und Nutzungsflexibilität von städtischen Siedlungsstrukturen.

Kurzfassung auf Englisch:

State housing developments came into being in Lima between 1938 -1971 and bear witness to the importation of the European garden-city idea into Peru. The transfer of a theory - the Unidades Vecinales (neighbourhood-units) - and a new residential form in the city, the Zeilenbausiedlung, marked a phase in the history of the social housing in Peru, when the cities in Latin America experienced an explosive population growth. For this research are the built Leitbilder an experimental field for the local appropriation in processes of extensions and changes of use. The diverse alterations of the residential forms through self-construction reflect this phenomenon. The foreign model has challenged and influenced the identity of the Peruvian inhabitant in different ways. This research follows three objectives: I. To analyze the transfer of the garden-city idea into Latin America, in particular Peru, their urban-spatial impact and validity for the city of Lima. The background of the importation of this urban model is searched in the European modernity. 22 state housing developments were selected to examine the physical adaptation of the model in the city. II. To analyze the change of built Leitbilder. Three cases of study were selected (UV3, UVMatute and CHPalomino) to evaluate the processes of transformation and appropriation over the years 1938 and 2010 and their effects at the level of the housing types, public space and communal equipment. The background of the informal changes and the typological evolution of several collective housing forms are analyzed as well as the organization of the inhabitants and the dynamic of the urban actors. III. The study seeks to contribute to the debate on the meaning of the informal changes for the professional performance of architects and planners in reference to the identity of the inhabitants. The results show: That the typological evolution of the planned residential buildings reflects “life processes” of a group of inhabitants, means for the architects a new attitude: It would be ground on the understanding, that inhabitants are not passive consumers but co-producers in the appropriation of the space in the own housing. The “other modernity” opens the option of the long-term changeability of the housing area. The diversity of the examined types of changes in many built Leitbilder shows the powerful effects of the appropriation: Through self-constructed additions and the “every day use” have emerged corridors, squares and also patios and roof-terraces in the serial structure of the parallel Zeilen (UV3). At the back façade of the curved Zeile (CHPalomino) shaped the inhabitants private patios, new public squares, alley ways and new collective spaces on the existing public space. The inner streets between the Zeilen of architect Ciriani (UVMatute) were transformed in alleys. The UV3 and CHPalomino were re-structured through extensions in a way that the inhabitants remain united with the place. The “other modernity“ contains an innovative potential to the achievement of new adaptation possibilities and strategies for anticipating future developments in concrete circumstances. That the modern examples of social housing in Lima were transformed in structures with capacity for future changes, and that this motivated the engagement and social interactions of the inhabitants and urban actors conduce to the following reflection: If architects, planners and the diverse actors of the potential changes would be aware that housing buildings can grow in phases, the informal expansions processes could be better interpreted and oriented. In this sense this explorative study should contribute to three debates: 1. For the professional understanding of imported city models. The development of the city of Lima could not follow a unique model. From the appropriation emerged a city, which could be sought as association of the dynamic pattern of the “family that grows” and planned static urban models. 2. For the professional understanding of the powerful impact of the appropriation. The transfer of the garden-city idea can be understood in Peru only in relation with the inhabitants. The pattern of the “family that grows” opens new perspectives on the field of the architectural housing design in opposition to the conservative and static concept of the housing for standard families (parents and children).The appropriation processes show, that the modernity has not considered the identity of the inhabitants. The “other modernity” can be better adapted to the identity of the low-middle-class group and can integrate inhabitants and urban actors in the planned architecture. 3. For the architect´s and planner´s performance in relation to the creative potential of expandable types of housing. This study about the diverse experiences of the typological evolution of residential buildings offer a complex spectrum of research perspectives in Peru for the social housing field in reference to the flexibility of urban-architectural structures.

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