Der Wert eines partizipativen Ideenlabors – Ein methodologischer Versuch am Beispiel des
 Realexperiments Nexthamburg

The Added Value of a Participatory Idea Laboratory – A methodolgical test using the example of the
 real life experiment Nexthamburg

Der Wert eines partizipativen Ideenlabors – Ein methodologischer Versuch am Beispiel des 
Realexperiments Nexthamburg

URN urn:nbn:de:gbv:1373-opus-2927
URL
Dokumentart: Dissertation
Institut: Stadtplanung
Hauptberichter: Koch, Michael (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 09.02.2015
Erstellungsjahr: 2016
Publikationsdatum:
SWD-Schlagwörter: Bürgerbeteiligung , Stadtplanung , Stadtentwicklung
Freie Schlagwörter (Englisch): Urban Planning, Participation, Crowdsourcing, Nexthamburg, Evaluation
DDC-Sachgruppe: Landschaftsgestaltung, Raumplanung

Kurzfassung auf Deutsch:

An vielen Orten stoßen staatliche Angebote der Bürgerbeteiligung auf eine spürbare Unzufriedenheit von Bürgern mit Projekten und Prozessen der Stadtentwicklung. Zugleich zeugt eine unübersehbare Vielzahl von stadtentwicklungspolitisch wirksamen Aktivitäten und Interventionen davon, dass Menschen nicht länger warten, bis sie beteiligt werden. Sie ermächtigen sich selber und werden zu aktiven „Stadtmachern“. In diesem Spannungsfeld ist 2009 unter dem Namen Nexthamburg ein partizipatives Realexperiment gestartet, das den Ansatz der offenen Innovation (Open Innovation) auf das Feld der Stadtentwicklung überträgt und versucht, Bürgern die Möglichkeit zu geben, eigene Impulse für die Stadtentwicklung zu setzen. An immer mehr Orten wird diese Form des „urbanen Crowdsourcing“ durch unterschiedliche Akteure erprobt – in dieser Arbeit wird es als „partizipatives Ideenlabor“ in die Landschaft partizipativer Ansätze eingeordnet. Nach fünf Jahren des Realexperiments ist es Zeit für eine Bilanz: Welchen Wert erzeugt das Sammeln von Ideen für die Stadt? Sind tatsächlich Impulse für die Stadtentwicklung gesetzt worden? Woran lässt sich der Wert partizipativen Ideenlabors für eine offene Stadtentwicklungsdiskussion überhaupt festmachen? Allerdings lässt sich der Wert eines Beteiligungsprozesses nur schwer belegen, wenn er – wie im Fall eines partizipativen Ideenlabors – nicht unmittelbar auf eine politische oder planerische Entscheidung bezogen ist. An dieser Problematik setzt die Arbeit an. Ausgehend von Ansätzen aus der Partizipationsforschung und der Open Innovation wird anhand des Fallbeispiels Nexthamburg eine Methode entwickelt, die einen Beitrag leisten soll, den substanziellen (auf die Ergebnisse bezogenen) und den prozessualen Wert von offenen Ideensammlungen zu ermitteln. Dabei wird auch versucht, die prozessualen Schwachstellen des Realexperiments im Hinblick auf seine Bewertbarkeit offen zu legen. Die Untersuchung erfolgt auf drei Ebenen: Zunächst werden die über 900 Projektideen der Nexthamburg-Ideensammlung den Ideen eines verfassten Ideen-Sammlungsprozesses gegenüber gestellt und in Hinblick auf Machbarkeit, Reifegrad, Problemlösegehalt und Innovativität ausgewertet. Ein besonderer Fokus liegt auf der Veränderung der Ideenqualität über die ersten fünf Jahre des Nexthamburg-Prozesses hinweg – das Realexperiment Nexthamburg bietet durch seine Prozessdauer eine hierfür einmalige Datenquelle. Es zeigt sich, dass der Wert der Ideen in unterschiedlichen Phasen des Prozesses und unterschiedlichen Themenfeldern Veränderungen unterworfen ist und stark von Faktoren der Prozessdramaturgie und dem Kanal der Ideeneingabe abhängt. Die zweite Ebene der Untersuchung befasst sich mit dem Wert der Online-Community von Nexthamburg. Es zeigt sich, dass zwar eine große Anzahl von Menschen erreicht wurde, aber auch Nexthamburg nur einen geringen Anteil an wiederholt aktiven Beitragenden aufweisen kann und damit das typische Muster der Aktivitätsverteilung in sozialen Netzwerken reproduziert. Die dritte Ebene der Untersuchung adressiert den Wert und die wahrgenommene Rolle von Nexthamburg als Akteur der Stadtentwicklung. Es zeigt sich, dass der Wert des Akteurs nicht allein anhand seiner substanziellen Ergebnisse gemessen wird, sondern auch an seine Rolle als „Testlabor“ für neue partizipative Methoden gekoppelt ist. Es wird aber auch deutlich, dass die Idee der Open Innovation, die auf Umwegwirkung setzt, im Feld der Stadtentwicklung nur bedingt funktioniert. Stärker als im Feld der technischen Innovationen brauchen raumpolitische Innovationen ein aktives „Kümmern“ um Wirkung – die im technologischen Feld ausgeprägte Open Source-Kultur ist im Feld der Stadtentwicklung bisher kaum ausgeprägt. Zum Schluss der Arbeit wird die Frage aufgeworfen, welche Konsequenzen die zunehmende Community-Orientierung in der Stadtentwicklung hat. Es wird die Gefahr eines Zerfalls des politischen Raums der Stadt in eine Addition von „Ego-Dörfern“ beschrieben. Der Ansatz des partizipativen Ideenlabors kann der Verstärkung dieses Trends nur entgegenwirken, wenn er sich darum bemüht, möglichst viele Interessen abzubilden und sich um maximales „offen halten“ der Deliberation bemüht – ein Anspruch, der der Notwendigkeit entgegen steht, Wirkung zu erzielen, was immer auch Parteinahme bedeutet. Die Auflösung dieses Dilemmas muss im Fokus der Weiterentwicklung des Modells stehen. Im Bezug auf die erprobte Bewertungsmethode macht die Arbeit den Stellenwert eines laufenden und systematischen Monitorings lang laufender Deliberations- und Partizipationsprozesse deutlich. Auch, wenn im Rahmen der Arbeit ein erstes Bild der im Realexperiment erzeugten Werte gezeichnet werden kann, bestehen doch Lücken bei notwendigen Daten. Wie die Notwendigkeit eines Monitorings mit der ebenfalls notwendigen Unverbindlichkeit und „Fluidität“ des Prozesses in Einklang gebracht werden kann, ist eine Weiterentwicklung noch nicht gelöste Fragestellung, die es weiter zu bearbeiten gilt.

Kurzfassung auf Englisch:

Today the field of participative urban development is facing new challenges. In many places participatory processes are confronted with a strong discontent of people about urban projects and processes. There is a clear demand for more co-creation that can not be satisfied in conventional processes. In the same time, a growing number of urban interventions and actives shows that people do not longer want to wait until the get participated. People start to empower themselves and turn into active „citymakers“. From this background Nexthamburg started in 2009 as a participatory real-life-experiment, transferring the Open Innovation model to the field of urban development and inviting people to give their own impulse to urban development. This experiment stands for a new form of proactive and self-commissioned participation, which is not attached to current official projects and which is linked closely to the rise of social media and the network society. It tries to incorporate the knowledge of the crowd into urban development by opening up a platform for deliberation. This kind of participatory work is emerging in different places around the world and is described in the dissertation as a new model of participation – the „participatory idea laboratory“. After the first five years of experimenting with Nexthamburg it is time to draw a balance. What effects and added values are created by collecting ideas for a city? What impulses were made? What sort of effects can be expected in general by opening up a participatory idea laboratory? These questions are addressing a core problem of participatory processes. More than ever, they have to prove that they add value to urban development, since they rise extra costs and lead to more complexity in planning. But how to measure a process that is not supposed to affect directly a given political decision and therefore can not only be measured by its political impacts? This Dissertation tries to introduce and to test a method for evaluating the outcomes and the process quality that Nexthamburg effected by attaching to findings from two scientific fields: the evaluation of participatory processes and the evaluation of Open Innovation processes. Doing so, this dissertation also unveils the weak points of this special participatory model – especially in terms of evaluating it. The research is covering three layers of evaluation. It starts with evaluating the 900 ideas that citizens have brought in during the first five years of Nexthamburg and comparing them to the outcomes of another process that has been led by the city of Hamburg. Criteria for evaluation are feasibility, grade of elaboration, „footprint“ and innovativity. A special attention is drawn to the development of idea quality during the span of the whole process, which turns out to be depending on process dramaturgy and communication channels. Ideas that have been brought in during events on site are in general more elaborated and of bigger value than ideas that have been brought in online. Especially when it comes to urbanistic „core topics“ like urban design, ideas tend to be of less value. The second layer of evaluation is focusing the online-community. Nexthamburg has reached a large number of people, but only a small percentage have been returning „activists“, which is typical for activity patterns in social networks. Also significant is the relatively low activity of female contributors. The third layer of evaluation addresses Nexthamburg and its role as an actor in urban development, examining the results of an online-survey among potential target groups and partners. The survey shows that Nexthamburg is not only valued by the outcomes and its impact on urban development, but strongly for its role as an innovator for participatory processes. As a result it can be said that the concept of open innovation is not yet operating effectively in the field of urban development. When it comes to issues that touch political processes, it needs more active support to create impact than in the field of pure technical innovations – that is the home ground of the open innovation concept. It seems that yet there is no such „open source“-culture in urban development than it exists in the field of technical innovations. It also becomes clear that a participatory think tank can not only be an intermediate as it intended to be. When it comes to the moment that people demand to create impact, it transforms to a party and looses its neutrality. This role-dilemma still is unsolved. Regarding the methods of evaluation it gets clear that there is more need for a systematic monitoring of long term deliberation an d participation processes. Even it has been possible to draw a first impression on the added values and impacts of Nexthamburg, the research showed that more data and qualitative information would be needed to evaluate such processes properly. How to match the need for a constant monitoring with the fluidity and the need for noncommittal of such processes also is still unsolved and requires further research.

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