Die Quadratur des Kreises. Johann Valentin Andreaes 'Christianopolis'

URN urn:nbn:de:gbv:705-opus-13405
URL
Dokumentart: Dissertation
Institut: Lehrstuhl: Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte
Fakultät: Fakultät Geistes- und Sozialwissenschaften
Hauptberichter: Postel, Rainer Prof. Dr. phil.
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 12.02.2008
Erstellungsjahr: 2007
Publikationsdatum:
SWD-Schlagwörter: Utopie , Andreä, Johann Valentin , Naturwissenschaften , Astronomie , Bacon, Francis , Religion
DDC-Sachgruppe: Geschichte

Kurzfassung auf Deutsch:

Im Jahr 1619 erschien Johann Valentin Andreaes Utopie ‚Christianopolis’. Mit diesem Werk legte der württembergische Geistliche eine der umfangreichsten und komplexesten Utopien der Frühen Neuzeit vor. In der bisherigen Forschungsliteratur wird ‚Christianopolis’ in erster Linie als Vorspiel zum Pietismus oder als Beitrag zur staatstheoretischen Diskussion des 17. Jahrhundert gesehen. Die vorliegende Arbeit betrachtet das Werk primär aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht, wobei sowohl Andreaes Beitrag zur Institutionalisierung wissenschaftlicher Organisationen als auch zur Etablierung eines modernen Wissenschaftsverständnisses untersucht wird. Die Dissertation gibt zunächst einen kurzen Einblick in Andreaes Vita und legt dabei einen Schwerpunkt auf das Beziehungsgeflecht, in dem er sich bewegte. Es wird sowohl herausgearbeitet, welche Personen wesentlichen Einfluss auf Andreae nahmen als auch wie sich die zunehmende oder abnehmende Bedeutung bestimmter Personengruppen auf sein Schaffen auswirkten. Seine persönlichen Lebensumstände und seine Themenwahl erlauben es, Andreaes Werk in vier Schaffensperioden zu unterteilen. Die ‚Christianopolis’ gehört mit anderen weniger bekannten wissenschaftlich orientierten Schriften zur zweiten Periode, deren Arbeiten sich in Inhalt, Form und Intention von den Schriften der ersten Periode, unter ihnen die Rosenkreuzerschriften, unterscheiden. --- In einem zweiten Schritt wird die ‚Christianopolis’ in den Kanon der bedeutenden frühneuzeitlichen Utopien durch die Methode des historischen Vergleichs eingeordnet. Dabei werden vor allem Mores ‚Utopia’, Campanellas ‚Sonnenstadt’ und Stiblins ‚Republica’ in den Vergleich mit einbezogen. Durch eine systematische Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen jeweils diesen drei Utopien und der ‚Christianopolis’, werden die Besonderheiten im Werk Andreaes herausgearbeitet. Die ‚Christianopolis’ hat einen größeren Realitätsbezug und ein ernsthafteres pädagogisches Anliegen als die ‚Utopia’. Sie unterwirft den Einzelnen nicht der Gemeinschaft, wie bei Campanella dargestellt, sondern beschreibt das Individuum als Quell des Gemeinwohls. Sie schlägt nicht die Rückkehr zu antiken Gesellschaftsmodellen vor, wie etwa die ‚Republica’, sondern fordert umfassende gesellschaftliche Veränderungen, um in der Zukunft bestehen zu können. In einem dritten Schritt wird die aufwendige Beschreibung der Architektur in Andreaes Utopie aufgegriffen. Auffällig ist, dass Andreae der Architektur seiner Idealstadt weit mehr Beachtung schenkt als alle anderen Utopisten. Ausgehend von der Hypothese, dass sich hinter dieser Darstellung eine metaphorische Bedeutung verbirgt, wird die Architektur von Christianopolis mit zeitgenössischen Architekturtraktaten und Stadtanlagen verglichen. Bisher wird in der Forschungsliteratur davon ausgegangen, dass Andreae den Entwurf Heinrich Schickhardts für die Planstadt Freudenstadt leicht abgewandelt wiedergegeben habe. Tatsächlich war auch Piero della Francesca für Andreae eine wesentliche Quelle der Inspiration. Francescas Darstellung einer idealen Stadt in seinem Gemälde ‚Città Ideale’ und Andreas Beschreibung der Architektur von Christianopolis zeigen große konzeptionelle Gemeinsamkeiten, woraus sich eine geistige Nähe zwischen Andreae und den Meistern der italienischen Renaissance ableiten lässt. Johann Valentin Andreae suchte nach einem Weg, Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen. Dass unter den herrschenden theologischen Gegebenheiten in seinem Heimatland Württemberg die Spannungen zwischen Religion und Wissenschaft nicht völlig auszuräumen waren, muss Andreae bewusst gewesen sein. Er suchte nach dem bestmöglichen Ausgleich. Sein Ergebnis stellte er in ‚Christianopolis’ vor. Zentrales Element im Denken der Menschen sollten Gott und die von ihm gestiftete Religion bleiben. Gott selbst ist bei Andreae jedoch eine Art Mathematiker: Er verlieh der Schöpfung Zahlen, Konstanten und Proportionen. Naturbeobachtung und die Ausübung der aufkeimenden Naturwissenschaften stellen somit für Andreae ebenfalls einen religiösen Akt dar. Andreae glaubte, dass der Mensch, wie bei der Suche nach einer Quadratur des Kreises, die Konstante zwischen Religion und Wissenschaft, Kreis und Quadrat finden müsse, um Religion und Wissenschaft wieder auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu können.

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