Bedingungen und Konsequenzen der Rezeption von Konsensinformation in Form von Umfrageergebnissen

URN urn:nbn:de:gbv:705-opus-29801
URL
Dokumentart: Dissertation
Institut: Lehrstuhl: Psychologie
Fakultät: Fakultät Geistes- und Sozialwissenschaften
Hauptberichter: Erb, Hans-Peter (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.04.2012
Erstellungsjahr: 2012
Publikationsdatum:
SWD-Schlagwörter: Einstellungsänderung , Einfluss , Sozialer Vergleichsprozess , Terror-Management-Theorie
Freie Schlagwörter (Deutsch): Einstellungen , Einstellungsstärke Konsenz-Ansatz , Umfrageergebnisse
DDC-Sachgruppe: Psychologie

Kurzfassung auf Deutsch:

In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich zum einen mit den Bedingungen, die dazu führen, dass Menschen Umfrageergebnisse beachten. Zum anderen beschäftige ich mich mit den Konsequenzen, die daraus resultieren, dass Menschen Umfrageergebnisse rezipieren. --- Umfrageergebnisse erfreuen sich einer großen Beliebtheit und sind in der modernen Medienwelt überaus präsent. Vor allem im Vorfeld politischer Wahlen machen sie einen zentralen Bestandteil des Wahlkampfs und der begleitenden Berichterstattung aus. Doch auch zu trivialeren Themen werden vermehrt Umfrageergebnisse publiziert. In der Terminologie des Konsens-Ansatzes (Erb & Bohner, 2001, 2002, 2007, 2010) beinhalten Umfrageergebnisse Information über Meinungsübereinstimmung (Konsensinformation) hinsichtlich eines spezifischen Einstellungsobjekts. Somit eröffnen sie ihren Rezipientinnen und Rezipienten eine Möglichkeit, sich einen prägnanten Überblick über das herrschende Meinungsklima zu verschaffen. --- Gleichzeitig bietet die Rezeption von Konsensinformation in Form von Umfrageergebnissen die Gelegenheit zum sozialen Vergleich im Sinne der Social Comparison Theory (Festinger, 1954). Der Theorie zufolge besitzen Menschen ein grundlegendes Bedürfnis, ihre Einstellungen mit denen der anderen zu vergleichen. Dieses Bedürfnis kann durch die Rezeption von Konsensinformation auf sparsame Art und Weise befriedigt werden. Einstellungen dienen primär der Orientierung in der sozialen Welt und der Befriedigung psychologischer Bedürfnisse. Da „starke“ Einstellungen diese Funktionen besonders gut erfüllen und für das individuelle Selbstkonzept eine besondere Bedeutung besitzen, sollte das soziale Vergleichsbedürfnis bezüglich solcher Einstellungen besonders ausgeprägt sein. --- Individuen neigen dazu, ihre Einstellungen und Verhaltensweisen an die der Mehrheit anzupassen (z. B. Asch, 1951; Sherif, 1935). Umgangssprachlich wird dieses Phänomen auch als „Herdentrieb“ oder „Schwarmintelligenz“ bezeichnet. Da Umfrageergebnisse Information über „die Meinung der anderen“ beinhalten, liegt die Annahme nahe, dass sie möglicherweise nicht nur das herrschende Meinungsklima widerspiegeln, sondern durch die von ihnen vermittelte Information bei ihren Rezipientinnen und Rezipienten Denkprozesse anstoßen, die wiederum individuelle Einstellungen beeinflussen. --- Im Bereich der Wahlforschung wurde die Wirkung rezipierter Umfrageergebnisse bereits untersucht, hinsichtlich der theoretischen Erklärung der Effekte besteht jedoch Uneinigkeit (siehe z. B. Mehrabian, 1998). Zudem existiert bisher kein psychologisches Modell, das die Wirkung rezipierter Umfrageergebnisse auf individuelle Einstellungen zufriedenstellend erklären könnte. Daher habe ich die Implikationen des Konsens-Ansatzes auf diesen Bereich angewandt, um die Wirkung rezipierter Meinungsumfragen grundlegend zu untersuchen. --- Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen habe ich vier zentrale Hypothesen zu den Bedingungen und Konsequenzen der Rezeption von Konsensinformation in Form von Umfrageergebnissen aufgestellt und mithilfe von vier Experimenten empirisch überprüft. Alle Hypothesen konnten (teilweise in mehreren Experimenten) anhand von unterschiedlichen Einstellungsobjekten bestätigt werden. Den Ergebnissen zufolge achteten vor allem Individuen mit einer hoch zugänglichen Einstellung auf Konsensinformation in Form von Umfrageergebnissen. Zudem hatte eine experimentelle Manipulation, die das Bedürfnis auslöst, eigene Einstellungen zu vergleichen, eine verstärkte Beachtung präsentierter Konsensinformation zur Folge. Darüber hinaus führte die Rezeption von Konsensinformation zu einer Einstellungsänderung in Richtung der von der Mehrheit vertretenen Position. Dieser Effekt war vermittelt über die Valenz der themenbezogenen Gedanken, welche die Versuchspersonen in Reaktion auf die rezipierte Konsensinformation generierten, und trat unabhängig von der Voreinstellung der Rezipientinnen und Rezipienten auf. Überdies löste die Rezeption einstellungsdiskrepanter Konsensinformation Überraschung aus. --- Somit ist die Anwendung des Konsens-Ansatzes auf den Bereich des sozialen Einflusses rezipierter Umfrageergebnisse als erfolgreich zu bezeichnen. Aus der Diskussion der Befunde und der verwendeten Untersuchungsansätze ließen sich Implikationen für zukünftige Forschungsvorhaben und konkrete Empfehlungen für die Gestaltung von Folgeexperimenten ableiten. Zur Integration der Ergebnisse schlage ich ein übergeordnetes Modell von den Auswirkungen eines sozialen Vergleichsbedürfnisses über die Rezeption von Vergleichsinformation zu den Konsequenzen für Einstellungen und Verhalten vor.

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