Wandel oder "Epochenbruch"?

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Dokumentart: ResearchPaper
Institut: Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft
Schriftenreihe: Beiträge aus dem Fachbereich Pädagogik
Bandnummer: 1992,5
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 1992
Publikationsdatum:
Bemerkung: Volltextzugang nur innerhalb des Campusnetzes der HSU
Freie Schlagwörter (Deutsch): Epochenbruch , Geschichte , Kommunismus
DDC-Sachgruppe: Erziehung, Schul- und Bildungswesen

Kurzfassung auf Deutsch:

Zur Einführung: Wandel oder "Epochenbruch"? Vermutlich werden die achtziger Jahre unseres Jahrhunderts auch in späteren Jahrzehnten noch Gegenstand interessierter Betrachtungen und intensiver Untersuchungen sein. Möglicherweise wird es aus größerer zeitlicher Distanz dann einfacher fallen, eine Antwort auf die Frage zu geben, ob die tiefgreifenden Wandlungsprozesse und Umbrüche, die sich in diesem Jahrzehnt ereigneten, so etwas wie einen "Epochenbruch" darstellen. Mancher, der heute den unglaublich raschen und dramatischen Niedergang des kommunistischen Herrschaftssystems zu verstehen und auf den Begriff zu bringen versucht, neigt durchaus dazu, von einem "Epochenbruch" oder von einer "Revolution in Europa" zu sprechen. Der Eindruck eines Epochenbruchs stellt sich zunächst angesichts des politischen "Umbruchs" in Osteuropa, mit seinen vielschichtigen Konsequenzen in den einzelnen Staaten, mit seinen weitreichenden Folgen für die zwischenstaatlichen Verhältnisse in Europa und mit seinen unübersehbaren Auswirkungen auf die globalen politischen Verhältnisse, ein. Doch in den achtziger Jahren sind auch im Westen deutliche Konturen eines tiefgreifenden Wandels, der sich schon in den siebziger Jahren abzuzeichnen begann, sichtbar geworden. Es handelt sich um einen mit der "elektronischen Revolution" einsetzenden, in den achtziger Jahren zum Durchbruch gelangenden, hauptsächlich technologisch bedingten Strukturwandel mit weitreichenden Auswirkungen auf das Wirtschaftsgeschehen, das gesellschaftliche Leben, die zwischenmenschlichen Beziehungen und das kulturelle Universum. Die Sozialwissenschaften und die zeitdiagnostische intellektuelle Reflexion haben die Symptome, Erscheinungsformen und Zwischenergebnisse dieser Wandlungsprozesse mit folgenden Begriffen und Konzepten zu erfassen und prägnant auf den Punkt zu bringen versucht: "Postindustrialismus", "Informationsgesellschaft", Individualisierung, Pluralisierung der Lebensstile, "Risikogesellschaft", "Postmaterialismus", "Postmoderne" usw.. Der politische Umbruch in Osteuropa und der Strukturwandel im Westen sind gegenwärtig nicht nur dabei, sich in ihren vielfältigen Folgewirkungen immer stärker und komplizierter zu durchdringen. Beide Entwicklungen schufen auch eine durchaus ähnliche Situation für die Menschen: Nach Jahrzehnten der Erstarrung und der Stagnation im Osten und im Ost-West-Verhältnis und nach einer relativ stabilen Periode der kleinen Fortschritte für nahezu alle Bevölkerungsgruppen in den westeuropäischen Gesellschaften zeigen sich plötzlich ganz neue Perspektiven und Möglichkeiten, ganz neue Chancen und Risiken für die weitere Zukunft. Eine solche Situation erscheint nicht nur offen und komplex, sie wirft für die Menschen in ihren ganz unterschiedlichen Betroffenheiten, Perzeptionen und Realitätsdeutungen natürlich auch neue Orientierungsprobleme und Sinnfragen auf, die in nahezu alle Richtungen hin nach Anhaltspunkten und Vergewisserungsmöglichkeiten suchen. Dabei geht es sowohl um kollektive Identitätsfragen und Vergewisserungsanliegen, wie auch um die erneute Auslotung individueller Bedürfnisse und nicht zuletzt um neue Erwartungen und Ansprüche an die zwischenmenschlichen Beziehungen. Im folgenden Aufsatz: "Zum "Wiedererwachen der Geschichte"" wird es um das massive Wiederaufleben des historischen Denkens und Bewußtseins nach der Überwindung des kommunistischen Ideologie- und Machtmonopols in den ehemals sozialistischen Gesellschaften Südosteuropas gehen. Dabei wird in einem Rückblick zu zeigen sein, welche Rolle die Geschichtsschreibung und welche Bedeutung Geschichtsmythen und historische Legenden bei der "nationalen Wiedergeburt" der größtenteils unter Fremdherrschaft lebenden Völker Südosteuropas im 19. Jahrhundert gespielt haben. Sodann wird, vor allem mit dem Blick auf die Zwischenkriegszeit, darzustellen sein, wie das erwachte nationale Geschichtsbewußtsein die komplizierten und konfliktreichen Prozesse der Staaten-und Nationenbildung begleitet hat. Und wie massiv die oftmals politischen Wunschvorstellungen folgenden Geschichtskonstruktionen in ihrer vornehmlich nationalistischen Ideologiegestalt auf die Politik eingewirkt haben. Ebenso soll gezeigt werden, in welcher Form sich die kommunistische und nationalkommunistische Ideologie der Instrumentalisierung der Geschichte zum Zwecke ihrer Machterhaltung bediente. Schließlich bleibt zu diskutieren, welche problematischen Auswirkungen das "Wiedererwachen der Geschichte" auf die heute angestrebten Modernisierungs- und Demokratisierungsprozesse, und insbesondere auf die Ausformung der Parteiensysteme und die politische Kultur, haben könnte.Ob man in retrospektiven Analysen den politischen Umbruch in Osteuropa, mit all seinen noch kaum absehbaren Konsequenzen, oder den Strukturwandel im Westen, der nicht nur als technologischer Fortschritt, sondern auch als ein tiefgreifender Wandel der Bedürfnisse, Werte und sozialen Beziehungen in Erscheinung tritt, als "Epochenbruch" betrachten wird, ist heute noch offen und kann aus der Gegenwartsperspektive auch nur schwerlich beantwortet werden. Dies nicht nur, weil jedes Zeitalter dazu neigt, den ihm gegenwärtigen besonderen Ereignissen eine epochale historische Schlüsselbedeutung zuzuschreiben. Mit Max Weber wissen wir auch: "Endlos wälzt sich der Strom des unermeßlichen Geschehens der Ewigkeit entgegen. Immer neu und anders gefärbt bilden sich die Kulturprobleme, welche die Menschen bewegen, flüssig bleibt, damit der Umkreis dessen, was aus jenem stets gleich unendlichen Strome des Individuellen Sinn und Bedeutung für uns erhält, "historisches Individuum" wird. Es wechseln die Gedankenzusammenhänge, unter denen es betrachtet und wissenschaftlich erfaßt wird."16 Es bleibt also nicht zuletzt vom Verständnis ihrer eigenen Kulturprobleme abhängig, inwiefern zukünftige Generationen die achtziger Jahre unseres Jahrhunderts als "Epochenbruch" interpretieren werden oder nicht. Allerdings erscheint es mir durchaus nicht vermessen, mit einigen guten Gründen anzunehmen, daß die Entwicklungen und Wandlungsprozesse, die in den achtziger Jahren zum Durchbruch gekommen sind, in der einen oder anderen Hinsicht einen weitreichenden Einfluß auf die Einfärbungen und Lagerungen der zukünftigen Kulturprobleme haben könnten...

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